Volleyball Olympiaqualifikation der Männer in Leipzig Januar 2004
 

Leipziger Volkszeitung Januar 2004:

Bestnoten von allen Seiten für Hallensprecher

Leipzig. Von den Spielern bis zum DVV-Präsidium, vom Sport-Bürgermeister bis zu den Zuschauern - die Hallensprecher Sven Rautenberg und Michael Wippermann sowie ihr DJ Stefan Kindler werden mit Lob überschüttet. Schon nach den EM-Vorrundenspielen im September in Karlsruhe hatten die Auswahlakteure ihren Präsidenten Werner von Moltke zur Seite genommen und unter Druck gesetzt: "Kümmere dich, die wollen wir auch in Leipzig haben!"

Im richtigen Leben sind sie Industrie- oder Bankkaufmann. Privat sind sie Musik-Freaks. Und vor allem schlägt ihr Herz für Volleyball. Sie spielten selbst beim VfB Friedrichshafen, wo sie seit Jahren unter Vertrag stehen und den Unterhaltungsteil bei Bundesliga- und Europapokalspielen bestreiten. Für die Olympia-Qualifikation haben sie Urlaub genommen. "Wir sind stolz, dass die Mannschaft uns dabei haben wollte", sagt Sven Rautenberg und ergänzt: "Das ist ein 16-Stunden-Arbeitstag. Jede Anmoderation wird auf die Minute geplant. Vor allem, wenn das Fernsehen live überträgt."

Das Trio kennt den Musik-Geschmack der Spieler haargenau.
DJ Stefan weiß, welcher Titel das Team mal aus einem Tief heraushelfen kann. Und erst recht, welche Hits die Fans in Stimmung versetzen. Sven Rautenberg nennt die Arena "ein Schmuckstück" und vergleicht das Leipziger Publikum mit dem in Friedrichshafen: "Die Leute sind sehr fachkundig. Doch mit ein wenig Animation gehen sie fantastisch aus sich heraus. Die Stimmung hier ist toll." Der 39-Jährige beherrscht den schmalen Grat zwischen Fairness gegenüber den Gästen und Ausnutzen des Heimvorteils perfekt. Nur gewinnen müssen die deutschen Spieler allein.

Frank Schober

 

Volleyball-Lektion vor großartiger Kulisse


Leipzig. Sie lagen schon aussichtslos 0:2 und 6:13 zurück, als er endlich zum ersten Mal punktete: der niederländische Block. Doch da hatten die russischen Volleyballer das einzige in Leipzig zu vergebende Olympiaticket längst so gut wie in der Tasche. Ganze 57 Minuten benötigte das Team von Trainer Gennadi Shipulin, um den Finalgegner mit 25:19, 25:17, 25:16 nach allen Regeln der Volleyball-Kunst auseinander zu nehmen.

"Diese russische Mannschaft ist in der heutigen Form kaum zu schlagen", sagte der holländische Coach Bert Goedkopp, der das Siegerteam sofort zum Medaillenkandidaten für Athen erklärte. Zu ihrer körperlichen Überlegenheit kam die spielerische. Zwei Vergleiche: Der russische Block sorgte im Finale für 15 Punkte, der niederländische für ganze drei. Der russische Aufschlag führte direkt zu elf Zählern, den "Oranjes" gelang dies mit dem Service nur zweimal.

Bei ihrem fast ebenso souveränen 3:0-Halbfinalsieg am Freitag Abend gegen die deutsche Mannschaft hatte Holland auch so gut wie fehlerfrei gespielt, jedoch nur selten unter Druck gestanden. Danach sagte der Berliner Angreifer Marco Liefke: "Die Holländer haben mit Richard Schuil den raffiniertesten Diagonal-Angreifer der Welt. Vor ihm haben alle Respekt. Die Russen dagegen haben mit Stanislaw Dineykin den brutalsten Angreifer. Ich bin gespannt, wer sich durchsetzt. Ich glaube, die Brutalität." Liefke sollte Recht behalten. Dynekin gewann mit 14:8 Zählern. Dem Holländer blieb der schwache Trost der Topscorer-Krone der gesamten Woche. Ebenso richtig wie Liefke lagen einige deutsche Fans, die am Freitag zu den niederländischen Anhängern sagten: "Armes Holland - morgen gibt's ein 0:3."

Auch zum Finale waren noch einmal 5100 Zuschauer in die Arena gekommen, die von den glänzenden Moderatoren in Partystimmung versetzt wurden. Emotionaler Höhepunkt: In einer Auszeit schickte die fast volle Halle mit tausenden Wunderkerzen einen virtuellen Gruß zu den siegreichen DVV-Volleyballerinnen nach Baku. Holländer, Russen und Deutsche tanzten, wippten und klatschten in der Arena gemeinsam um die Wette. Nach der Siegerehrung schüttelte Leipzigs OBM Wolfgang Tiefensee auch die Hand aller niederländischen Spieler und bedankte sich persönlich beim Hallensprecher Sven Rautenberg aus Friedrichshafen. Der sagte zu den Fans: "Ihr seid die Besten, die wir je hatten. Und wir waren schon überall." Bürgermeister Holger Tschense zeigte sich von der Stimmung der insgesamt 25000 Zuschauer überwältigt: "Ich war anfangs skeptisch, ob wir die Halle so kurz nachdem Handball-Masters und nach Neujahr voll bekommen. Das Moderatoren-Team ist Gold wert. Dies holen wir auch im Sommer, wenn Leipzig zwei Mal Gastgeber bei der neuen Europaliga sein wird."

Das Publikum hatte sich am Ende des Turnieres einen Fünf-Satz-Krimi verdient - doch die drei entscheidenden Partien endeten allesamt 3:0. Der deutsche Sechser konnte für sich in Anspruch nehmen, den haushoch überlegenen Turniersieger am dichtesten an den Rand eines Satzverlustes gebracht zu haben. Umso ernüchternder war die Kapitulation beim 0:3 gegen die Niederlande - trotz toller Fans. Trainer Stelian Moculescu glaubte nicht mehr an seine Jungs. Der 53-Jährige, der die ganze Woche am Spielfeld stand, setzte sich im dritten Satz resigniert auf die Bank.

"Wir haben schlecht gespielt", sagte Björn Andrae, der am Ende des ersten Satzes von einem viel zu langen gegnerischen Aufschlag quasi "auf der Flucht erschossen" wurde und eine endlose Fehlerserie einleitete: "Die Bälle sind so hart, da kommt man nicht mehr weg." Christian Pampel meinte: "Das kann passieren. Aber in diesem wichtigen Match ist es uns zu oft passiert." Der Top-Scorer musste im dritten Satz auf der Bank schmoren, zeigte aber Verständnis: "Dem Trainer sind die Hände gebunden. Nach zwei verlorenen Sätzen muss er etwas probieren." Pampel bemühte bei der Ursachenforschung einmal mehr das Wort "Pech" und sagte über Trainer Moculescu: "Ich wüsste keinen, der es besser macht."

Kapitän Wolfgang Kuck, der selbst nicht seinen besten Tag erwischte, wollte ein gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen haben: "Wir haben unser bestes Volleyball gezeigt. Aber wir haben die wichtigen Punkte nicht gemacht." Dass viele Akteure im Gegensatz zum Trainer gar nicht so niedergeschlagen wirkten, sondern schon unmittelbar nach dem Olympia-Aus an die nächste Liga-Partie in Frankreich oder Italien dachten, wollte der Käpt'n nicht überbewerten: "Wichtig ist nicht, was ein Spieler hinterher sagt. Sondern, ob er auf dem Parkett alles gibt. Und das haben wir getan." Dies reichte gegen die Weltklasse-Teams nicht einmal zu einem Satzgewinn.

Frank Schober